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Der Boden lebt – aber er ist in Gefahr

Was man nicht kennt, kann man nicht schützen

Der Boden stand im Zentrum. © FiBL Bild: K.-P. Wilbois

Anlässlich des Internationalen Tags des Bodens hat im Ökohaus in Frankfurt eine Veranstaltung unter dem Motto „Boden leben“ stattgefunden. Fachleute berichteten aus unterschiedlichen Perspektiven, warum Boden als Lebensgrundlage eine herausragende Bedeutung hat. Wolfgang Reimer vom Bundesministerium für Landwirtschaft und selbst praktizierender Öko-Landwirt, wies in seinem Grußwort darauf hin, dass viele Landwirte häufig nur über ihre Maschinen Kontakt zum Boden hätten und bis 2050 voraussichtlich bereits mehr als zwei Drittel der Menschheit in Städten leben werden. Dadurch finde eine gewisse Entfremdung vom Boden statt. „Was man nicht kennt, kann man nicht schützen“, sagte Reimer, daher sei es wichtig über den Boden zu informieren. Reimer zitierte die Philosophin Hannah Arendt, die sagte: „Je schneller wir uns bewegen, desto weiter entfernen wir uns von der Erde“. Dies sei auch im übertragenen Sinne zu sehen und so sei es wichtig, inne zu halten und das Augenmerk auf den Boden zu lenken. 

Körnerleguminosen nützen der Bodenfruchtbarkeit

Wolfgang Reimer und Herwart Böhm betonten die Wichtigkeit der Körnerleguminosen im ökologischen Landbau. © FiBL Bild: K.-P. Wilbois

Auch auf die Bedeutung der Leguminosen für die Bodenfruchtbarkeit wies Wolfgang Reimer hin. Man müsse sich vergegenwärtigen, dass im Moment siebzig Prozent der an Tiere verfütterten Proteine in Form von Soja importiert werden. Reimer plädierte dafür, dass sowohl Forschungsvorhaben gefördert werden müssten, die sich mit nicht-einheimischen Kulturen wie der Sojabohne befassen, aber vor allem auch Vorhaben, die sich mit einheimischen Leguminosen befassen. Dr. Herwart Böhm vom Johann-Heinrich-von-Thünen-Institut in Trenthorst berichtete aus der Forschungsarbeit im Rahmen des Bodenfruchtbarkeitsprojekts zu diesem Thema. Der Anbau von Körnerlegumiosen, die nicht nur als Proteinlieferant für Tiere, sondern für die Fruchtfolge eine herausragende Bedeutung haben, ist seit zehn Jahren rückläufig. Um den Anbau von Körnerleguminosen zu optimieren, sind die Fruchtfolgegestaltung, die organische Düngung und die Bodenbearbeitung wichtige Einflussfaktoren des Landwirts. Die bisherigen Forschungsergebnisse zeigen, dass der Mischfruchtanbau von Körnererbsen große Vorteile bringt. Bei der bodenschonenden Bodenbearbeitung mit dem Stoppelhobel wurden im Gemenge von Sommererbsen und Hafer höhere Erträge als in Reinsaaten erzielt und der Mischfruchtanbau führte gleichzeitig zu einer guten Unkrautunterdrückung. Auch die Wirkung von organischer Düngung wurde in den Versuchen betrachtet. Allgemein bekannt ist, dass organische Düngung die Bodenfruchtbarkeit durch den Aufbau von Humus fördert. Erste Versuche aus dem Projekt zeigten, dass organische Dünger weitere positive Wirkungen haben: Grüngutkompost wirkt unterdrückend gegenüber bestimmten Schaderregern an Erbsen, außerdem steigert er die Stickstofffixierung von Ackerbohnen. Auch Grünguthäcksel steigert die Stickstofffixierung, zusätzlich hat er eine unkrautunterdrückende Wirkung in Ackerbohnen.

Leben wir bodenlos?

Martin Held referierte zur Bodenlosigkeit der Gesellschaft. © FiBL Bild: K.-P. Wilbois

Mit dem Statement „unsere Lebensgrundlage ist gefährdet, die meisten Menschen leben mental im wahrsten Wortsinn bodenlos“, fasste Dr. Martin Held von der Evangelischen Akademie Tutzing seine Einschätzung der Situation zusammen. Er machte mit Nachdruck auf die dramatische Situation aufmerksam, dass weltweit die Zerstörung der Lebensgrundlage Boden fortschreitet, aber das nicht ins Bewusstsein der Bevölkerung und der Entscheidungsträger vorgedrungen ist. Er sprach von einem „fehlenden Bodenbewusstsein“. Der sogenannte Peak Oil, der Höhepunkt der Ölförderung, sei bereits seit sechs Jahren Realität, und würde „tapfer ignoriert“. Held stellte in seinem Vortrag die Zusammenhänge zwischen dem Erdöl und dem Boden dar. Einerseits habe das Erdöl zur Industrialisierung und so zum Verschieben natürlicher Grenzen beigetragen und dadurch die Bodendegradation im großen Stil erst ermöglicht. Andererseits sei die industrielle Landwirtschaft längst vom Erdöl abhängig. Denn um die degradierten Böden weiter landwirtschaftlich nutzen zu können, sind Dünger und Pestizide nötig, die wiederum zur Herstellung Erdöl benötigen. Mit der Frage an die Zuhörerinnen und Zuhörer: „War Ihnen schon vorher klar, dass mit dem Fördermaximum des ersten fossilen Energieträgers der Anfang vom Ende des fossilen Zeitalters begonnen hat?“, schloss er seine Vortrag. „Be prepared“, gab er allen mit auf den Weg. Die anstehende Aufgabe sei es den Boden als Lebensgrundlage von Menschen und Lebensraum für Vielfalt am Leben zu erhalten und zu pflegen.

Mehr Vielfalt, mehr Leben

Paul Mäder stellte die reduzierte Bodenbearbeitung vor. © FiBL Bild: K.-P. Wilbois

Auf den Zusammenhang zwischen der Vielfalt von Pflanzen und Tieren und Bodenfruchtbarkeit ging auch Dr. Paul Mäder vom schweizerischen Forschungsinstitut für biologischen Landbau ein und stellte Lösungsansätze vor, wie man die Bodenfruchtbarkeit erhöhen kann. Ein Ansatz ist die schonende Bodenbearbeitung bis hin zum Verzicht auf den Pflug. „Die reduzierte Bodenbearbeitung hat im ökologischen Landbau ein großes Potenzial, aber wir wissen noch zu wenig“, fasste Mäder zusammen. In Zukunft müsse noch mehr an einer Optimierung der Anbautechnik und der Anbaumethoden gearbeitet werden. Weiterhin stellte er einen Langzeitversuch im schweizerischen Therwil vor, in dem seit 1978 drei Anbausysteme (bio-dynamisch, organisch und integriert) und ihr Einfluss auf den Boden verglichen werden. „Langzeitversuche sind ein unverzichtbares Instrument für die Nachhaltigkeitsforschung“, unterstrich Mäder. In den Versuchen zeigte sich, dass der Ökolandbau „im und über dem Boden viel mehr Biodiversität erzeugt als konventionelle Landwirtschaft“. Ein Indikator dafür sei auch das vermehrte Vorkommen von Regenwürmern und Laufkäfern sowie Mikroorganismen und Mykorrhiza-Pilzen, die beide nützliche Funktionen für die Bodenfruchtbarkeit erfüllen. Die Versuche zeigten auch, wo im Biolandbau noch Handlungsbedarf ist. „Vor allem für den Erhalt des Humusgehaltes muss auch im Biolandbau noch mehr getan werden“, schloss Mäder aus den Versuchsergebnissen des Langzeitversuchs.

Dem Abbau von Humus entgegenwirken

Kurt-Jürgen Hülsbergen stellte den Zusam-menhang zwischen Boden und Klimaschutz her. © FiBL Bild: K.-P. Wilbois

Der Humusabbau war auch eines der Themen von Prof. Kurt-Jürgen Hülsbergen von der Technischen Universität München (Lehrstuhl für ökologischen Landbau). Der Abbau von Humus und die ungenügende Versorgung des Bodens mit Humus beeinflussten die Bodeneigenschaften und –funktionen negativ. Ursachen dafür sind z.B. der Umbruch von Grünland und Brachen und ein einseitiger Marktfruchtanbau. Neben dem Humusabbau wies Hülsbergen eindrücklich auf die weiteren Probleme der Bodennutzung hin: Aktuell ist der Boden durch Erosion, Schadverdichtungen, Bodenentzug durch Versiegelung, Einträge von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln sowie von Schwermetallen und organischen Verbindungen bedroht. Professor Hülsbergen betonte, auch der Zusammenhang von Kohlenstoffspeicherung in Böden und Klimaschutz sei noch zu wenig im Bewusstsein. Um dies genauer zu erforschen, sind Dauerfeldexperimente besonders wertvoll. Diese Versuche eigneten sich aber auch sehr gut für die Analyse von Bodenfruchtbarkeit und Ertragsbildung über einen längeren Zeitraum.

Zu Klimawirkung und Nachhaltigkeit von Landbausystemen stellte Hülsbergen einen deutschlandweit angelegten Versuch in einem Netzwerk von Pilotbetrieben vor, bei dem jeweils Pärchen aus einem konventionellen und einem biologisch wirtschaftenden Betrieb an 80 Standorten in Deutschland beforscht werden. Es zeigte sich, dass biologisch bewirtschaftete Böden im Durchschnitt mehr Kohlenstoff binden und weniger emittieren, als die Böden der konventionell bewirtschafteten Betriebe. Die Ergebnisse des Projektes sollen auch der Politikberatung dienen, die so Grundlagen für die nationale Klimaberichterstattung bekommen und damit eine bessere Datenbasis für die Agrar-Umweltpolitik haben.  Aber auch für die Praktiker wird das Projekt konkrete Empfehlungen zur Betriebsoptimierung liefern.

Weniger belasten – den Reifendruck dem Boden anpassen

Markus Demmel berichtete von den Auswirkun-gen von Erosion und Verdichtungen. © FiBL Bild: K.-P. Wilbois

Die Gefährdung des Bodens durch Erosion und Verdichtung war eines der Themen, die Dr. Markus Demmel von der Bayrischen Landesanstalt für Landwirtschaft in seinem Vortrag aufgriff. Er zeigte ein Luftbild eines Feldes, das nach zwei Tagen intensiven Landregen bereits deutliche Spuren von Wassererosion zeigte. Von der Vogelperspektive sehen diese Zonen wie riesige Adern aus, die das Feld durchziehen. Der Boden sei durch die Erosion in Bewegung und der Bodenabtrag führe zum Verlust an Bodenfruchtbarkeit. Heute geht man in Hanglagen von mittleren Bodenabträgen von einigen Tonnen pro Hektar und Jahr aus, berichtete Demmel. Risiken bestünden besonders in Fruchtfolgen mit höherem Anteil an Reihenkulturen (Mais, Rüben, Gemüse). Wichtige Schutz-maßnahmen sind die Stabilisierung des Bodens, das Bremsen des Abflusses und die Verbesserung der Infiltration. Dazu trägt auch die Vermeidung von Bodenverdichtungen bei. Auf diesem Gebiet wurden an der Bayerischen Landesanstalt im Rahmen des Bodenfruchtbarkeitsprojekts zahlreiche Versuche durchgeführt. Es zeigte sich, dass die Verdichtung des Bodens durch Befahrung mit landwirtschaftlichen Fahrzeugen sich negativ auf die Bodenfruchtbarkeit auswirkt. Die Ertragsminderung durch Bodenbelastung liegen in der Größenordnung von fünf bis zehn Prozent, oft nimmt der Landwirt jedoch diesen Zusammenhang gar nicht wahr. Versuche zeigten, dass Leguminosen in dieser Beziehung sehr empfindlich sind, während Hafer sich als robuster herausstellte. Eine Schutzmaßnahme gegen Bodenverdichtungen ist es, den Reifeninnendruck des landwirtschaftlichen Fahrzeugs der Bodenbeschaffenheit anzupassen. Diese bodenschonende Befahrung wird leider in der Praxis nicht immer befolgt. Es müsse bei den Landwirten das „Bodenbewusstsein“ geschärft werden und alle müssten gemeinsam bodenschonende Lösungen nachfragen.

Auf dem Boden wächst das Einkommen der Landwirte

Bernhard Schreyer stellte die Sicht eines Bio-Landwirts auf den Boden dar. © FiBL Bild: K.-P. Wilbois

Neben den Wissenschaftlern und Fachleuten war auch ein Landwirt unter den Referenten. Bernhard Schreyer, Betriebsleiter von Gut Obbach im fränkischen Euerbach-Obbach, berichte aus Praktikersicht von der Bedeutung des Bodens. „Der Boden ist betriebliche Grundlage. Auf ihm wächst unser Einkommen“, fasste er zusammen. „Um den Boden schonend zu bearbeiten, muss man Geduld haben und den richtigen Zeitpunkt abwarten können“, ist seine Erfahrung. In Zukunft will auch er noch mehr Erfahrungen mit der reduzierten, schonenden Bodenbearbeitung sammeln, in der er großes Potenzial für die Förderung der Bodenfruchtbarkeit vermutet. Im Sinne des Bodens hofft er, dass die Vernetzung von Praxis, Forschung, Lehre und Beratung noch stärker wird, sodass alle an einem Strang ziehen. Schreyer  wünscht sich schlicht „mehr Sensibilität für den Boden“ und tut auch selbst etwas dafür: So hat der Landwirt beispielsweise sogenannte Blühstreifen angelegt, um die Vielfalt von Tieren zu fördern und die Ackerlandschaft zu beleben. „Hier blüht es für Bienen, Hummeln & Co.“ steht da auf einem Schild, gut sichtbar für vorbeikommende Wanderer. 

Fazit: Mehr Öffentlichkeit für den Boden

Bei der Veranstaltung wurden unterschiedliche Aspekte des Bodens und seiner landwirtschaftlichen Nutzung beleuchtet. In allen vorgestellten Bereichen wird intensiv am Bodenschutz und am Erhalt der Bodenfruchtbarkeit gearbeitet und geforscht. Dennoch liegt noch ein großes Stück Arbeit vor den Bodenwissenschaftlern, denn es muss vor allem das Bewusstsein sowohl der Landwirte als auch der Bevölkerung für den Boden geschärft werden, damit der Boden nicht länger als der Dreck wahrgenommen und behandelt wird.

Download

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Impressum

Autorin: Marion Morgner (FiBL Deutschland e.V.)

Durchsicht und Redaktion: Ann-Kathrin Spiegel (FiBL Deutschland e.V.)

Quellenangabe bei Veröffentlichung

Marion Morgner (FiBL Deutschland e.V.)

Beitrag entstanden im Rahmen des Projektes “Steigerung der Wertschöpfung ökologisch angebauter Marktfrüchte durch Optimierung des Managements der Bodenfruchtbarkeit". Weitere Infos unter www.bodenfruchtbarkeit.org