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Der Boden der Pioniere

Nikola Patzel

Als moderne Wirtschaftsweise entstand der biologische Landbau seit Anfang des 20. Jahrhunderts. Seine historischen Wurzeln sind aber so alt wie die Landwirtschaft selbst. Während einiger Jahrzehnte wurde der Biolandbau nur in wenigen, miteinander vernetzten Höfen praktiziert und weiterentwickelt. Breitere Anerkennung fand er erst in den 80er und 90er Jahren des 20. Jahrhunderts. Bevor in dieser Broschüre der heutige Stand des Wissens zum guten Umgang mit Bodenfruchtbarkeit unter ganzheitlichen Gesichtspunkten eingeführt wird – aus Quellen von Wissenschaft und Praxis – weisen wir mit einigen Zitaten unserer «Urgroßeltern» auf seine Wurzeln hin:

Impulse der Bodenbiologie

Der Hofbesitzer Albrecht THAER erkannte (1821): «So wie der Humus eine Erzeugung des Lebens ist, so ist er auch die Bedingung des Lebens.» Und während sich die meisten Forscher der Agrikulturchemie zuwandten, entdeckte Charles DARWIN etwas für den Biolandbau Entscheidendes (1882): «Der Pflug ist eine der ältesten und wertvollsten Erfindungen der Menschen; aber schon lange, ehe er existierte, wurde das Land durch Regenwürmer regelmäßig gepflügt.»

Anfang des 20. Jahrhunderts erschlossen neue Mikroskope die unfassbare Vielfalt des Bodenlebens und das ökologische Denken entwickelte sich. Sodann schrieb Richard BLOECK (1927): «Der Kulturboden ist durch die Tätigkeit der Klei-lebewelt zu einem richtigen Lebewesen geworden.» Das Bild des Kreislaufs kam wieder auf. Alois STÖCKLI schrieb (1946): «... eine anhaltende und zunehmende Bodenfruchtbarkeit [ist] nur unter der Voraussetzung eines Kreislaufes der Stoffe möglich», doch «sträubt man sich vielerorts, den Kleinlebewesen des Bodens in diesem Zusammenhang eine ausschlaggebende Bedeutung beizumessen». Der Mitbegründer des Biolandbaus, Hans-Peter RUSCH, sah als Wesentliches den Kreislauf des Lebens (1955): Die «lebendige Substanz» wird «im Substanzkreislauf an jedes Lebewesen zur Wiederverwendung herangeführt». Und der Agrarwissenschaftler Franz SEKERA betonte (1951): «Unter Bodengare verstehen wir die Lebendverbauung der Krümelstruktur durch die bodenständigen Mikroorganismen.»

Weltanschauliche Ideen und Antriebe

Rudolf STEINER lehrte bei seinem landwirtschaftlichen Kurs (1923): «Man muss wissen, dass das Düngen in einer Verlebendigung der Erde bestehen muss. ... Und wir bekommen im Samen ein Abbild des Weltenalls.» In England meinte Lady Eve BALFOUR (1943): Nur die Ökologie, verbunden mit christlichen Werten, könne uns erkennen helfen, «dass alles im Himmel und auf Erden nur Teile des einen Ganzen sind.» Und ihr landwirtschaftlicher Kollege Sir Albert HOWARD beobachtete (1948): «Mutter Erde versucht nie, viehlos zu wirtschaften; sie baut immer gemischte Kulturen an.» Der biologische Landbau müsse sich die natürliche Wirtschaftsweise von Mutter Erde zum Vorbild nehmen. Mina HOFSTETTER (1941), eine der Schweizer Pionierinnen des Biolandbaus, sah die weiblichen Qualitäten der Erde als Schlüssel zum tieferen Verständnis der Bodenfruchtbarkeit. Mutter Erde könne zur Bäuerin reden, wenn sie sich ihr in Ruhe und Stille zuwende: «... sie wird es uns wieder lehren oder uns vernichten.»

Warum sprechen wir von «biologischem» oder «ökologischem» Landbau?

Die «Bio-Logie» des biologischen Landbaus wurde von den Begründern wörtlich als eine Lebenslehre verstanden, als eine umfassende Lebens- und Landbauphilosophie. Mehr als auf chemische Einzelstoffe achtete man auf Lebensgemeinschaften von Einzelwesen oder «Ökosysteme», welche man auf höherer Ebene wieder als eine Einheit im Ganzen, als «Organismus» verstand. Daher wird im Biolandbau von Bodenorganismus, Hoforganismus und Organismus Erde sowie von «organic agriculture» gesprochen, wie auch von Boden, Hof und Erde als Ökosystem. Das Zusammenspiel und die stetige Fortdauer des natürlichen und sozialen Lebens, durch keine Technik zu ersetzen und von vielen auch im Zusammenhang mit geistigen, göttlichen Wirkungen gesehen, wurde als das Wesentliche angesehen. Um zu zeigen, dass alles miteinander zusammenhänge, entstand der bekannte Leitsatz: «Gesunder Boden – gesunde Pflanzen – gesunde Menschen.» Darauf kommt es auch heute an.

Zitat

» Bodenfruchtbarkeit ist unverzichtbare Grundlage der Landwirtschaft, nicht Erdöl. Darum gehört der Boden in Hände, die ihn pflegen, nicht in die der Spekulation. Um die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu meistern, müssen bäuerliches Erfahrungs- und universitäres Forschungswissen noch besser zusammenkommen. «

Jürgen Heß, Uni Kassel, Witzenhausen, Deutschland