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Dialogworkshops Bodenfruchtbarkeit bei der 11. Wissenschaftstagung

Im Rahmen der 11. Wissenschaftstagung Ökologischer Landbau in Gießen 2011 fanden Dialogworkshops mit besonderem Praxisbezug statt. Der zweite Block des Workshops Bodenfruchtbarkeit fand unter dem Titel „Körnerleguminosen vor dem Aus?“ statt und ist im Folgenden dokumentiert.

„Körnerleguminosen vor dem Aus?“

Moderation: Dr. Harriet Gruber, Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei Mecklen-burg-Vorpommern und Martin Hänsel, Sächsische Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie

Protokoll: Dr. Peer Urbatzka, Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft

Resolution: Um die Ergebnisse des Workshops besser zu kommunizieren, wurde der Vorschlag unterbreitet, eine Resolution zu verfassen, um deutlich zu machen, dass die Aktivitäten für die Entwicklung des Anbaus von Körnerleguminosen ausgebaut werden müssen. Meinungsäußerun-gen/Bekundungen werden von Dr. Klaus-Peter Wilbois vom FiBL Deutschland entgegengenommen, gesammelt und weitergeleitet.

Zielstellung

  • Formulierung von Schwachstellen im Anbauverfahren und Forderungen an die Züchtung von Körnerleguminosen
  • Diskussion von Lösungsansätzen zur Verbesserung der Effektivität des Anbaus von Körnerleguminosen
  • Formulierung des Forschungsbedarfs zum Anbau von Körnerleguminosen
  • Entwicklung von Maßnahmen und Vorschlägen zur Umsetzung in Wissenschaft und Praxis

Leitfragen für die Diskussion

  • Unter welchen Bedingungen ist der Anbau von Körnerleguminosen sinnvoll und erfolgreich?
  • Gibt es Alternativen zum Anbau von Körnerleguminosen?
  • Welchen Anteil am Erfolg hat die Züchtung? Welche Zuchtziele sind notwendig, um das Anbaurisiko zu verringern? Welchen Stellenwert nehmen Sortenprüfung und -beratung ein?
  • Welche Verfahrensabschnitte sind unzureichend untersucht? Wo fehlen Lösungsansätze? Stehen für die Beratung ausreichend pflanzenbauliche Grundlagen bereit?
  • Zu welchen Fragen besteht Forschungs- bzw. Beratungsbedarf?

Impulsreferate

Kurzbeitrag Martin Hänsel: Bedeutung von Körnerleguminosen an Praxisbeispielen in Sachsen

Martin Hänsel betonte in seinem spontanen Vortrag die Wichtigkeit von Körnerleguminosen für den ökologischen Landbau. Er nutzt die Anbauvorteile von Körnerleguminosen sowohl in seinem eigenen Betrieb, als auch in den beiden Versuchsbetrieben Köllitsch und Rhoda auf unterschiedliche Art und Weise. In Abhängigkeit von betrieblichen und natürlichen Bedingungen werden somit Körnerleguminosen als Zwischenfrüchte oder/und als Druschfrüchte angebaut (siehe unten). Er hob hervor, dass beim Anbau von Körnerleguminosen die gesamte Fruchtfolge und nicht nur die einzelne Kultur betrachtet werden sollte.

1. Fruchtfolge auf dem eigenen Betrieb:
Luzernegras – Luzernegras – Luzernegras - Winterweizen+Zwischenfrucht Ackerbohne - Feldgemüse.

Die Zwischenfrucht wird im Frühjahr eingepflügt und wirkt gut Unkraut unterdrückend. Für einen Anbau als Hauptfrucht fällt die Witterung zu trocken aus.

2. Fruchtfolge in Köllitsch:
Luzernegras – Luzernegras – Winterweizen – Mais – Körnererbse - Winterweizen.

Die Erbse ist mit einem Ertrag von 25 dt/ha an sich wirtschaftlich uninteressant und bereitet viel Arbeit hinsichtlich der Beikrautregulierung. Allerdings wird sie aufgrund der guten Vorfruchtwirkung akzeptiert. Früher folgte auf die Erbse Wintertriticale; diese wurde aufgrund der hohen N-Vorfruchtwirkung durch Winterweizen ersetzt.

3. Fruchtfolge in Rhoda:
Rotklee – Winterweizen – Winterroggen – Ackerbohne - Hafer

Der Standort Rhoda hat einen durchschnittlichen Jahresniederschlag von über 700 mm. Hier ist die Ackerbohne mit einem Ertrag von bis zu 40 dt/ha auch wirtschaftlich interessant.

Diskussion

Die Diskussion umfasste die drei vorgegebenen Schwerpunkte: betriebliche Aspekte, Züchtung und Optimierung/Alternativen. Die Ergebnisse hierzu sind in folgender Übersicht dargestellt:

„Betriebliche Aspekte“

Probleme:
  • Gesamtes Verfahren (z.B. Unkraut, Saattiefe, Ertrag, Preis, Abhängigkeit von außen)
  • Ertragssicherheit, Ertragsstabilität (Witterung, Läuse, Wickler)
  • Für Anbau in Rein- und Gemengesaat keine geeigneten Sorten (im Gemenge z.B. Sorten zu kurz)
  • Komplexe Krankheiten/Schädlinge (z.B. Blattrandkäfer)
  • Wildschäden (z.B. Vogelfraß bei Erbse)
  • Vermehrung schwierig (z.B. Pferdebohnenkäfer)
  • Fruchtfolge (Anbau legumer Zwischenfrüchte und Körnerleguminosen)
  • Ausländische Ware als billige Konkurrenz
  • Nährstoffversorgung des Bodens (Grund- und Mikronährstoffe)
Forschungs- und Beratungsbedarf:
  • Wechselwirkung innerhalb der Fruchtfolge bzgl. Samen- und bodenbürtigen Krankheiten zwischen allen Leguminosen
  • Nährstoffzufuhr und -aufschluss sowie Wechselwirkung mit Krankheiten bzgl. Nährstoffversorgung
  • Optimierung Saatgutqualitäten
  • Populationen prüfen
  • Prüfung der Sorten in den einzelnen Regionen
  • Preisgestaltung (Soja im Vertragsanbau, denkbar bei anderen Körnerleguminosen?)
  • Futteraufbereitung optimieren (z.B. Beschädigungen)
  • Zusammenarbeit zwischen Verarbeitern und Landwirten
  • Ausbau der Beratung und des Demonstrationsanbaus
  • Monitorings in der Praxis
  • Beratungskonglomerat

„Züchtung“

Zuchtziele:
  • Mehr Beschattung, größere Pflanzenlänge
  • Standfeste Blattsorten (Erbsen)
  • Bitterstoffe (?), buntblühende Sorten
  • Toleranz/Resistenz gegenüber Krankheiten (z.B. Ascochyta-Komplex)
  • Interaktion Pflanze und Boden ⇒ lokal angepasste Sorten im ökologischen Landbau
  • Ertrag!
Zusammenarbeit:
  • Bündelung der Züchtung/Koordination der Ak-tivitäten/Wertprüfungen
  • Unterstützung von Züchtungsinitiativen
  • Finanzierung der Züchtung

„Optimierung/Alternativen“

Alternativen:
  • Heimischer Sojaanbau
  • Anbau im Gemenge
  • Winterform bei Erbse und Ackerbohne
  • Klee und Luzerne als Zwischenfrüchte
  • Technische Aufbereitung bei antinutritiven Inhaltsstoffen (z.B. Schälen bei Tanninen)
  • Optimierung des Marketings (z.B. Verfütterung einheimischer Eiweißfuttermittel (Konzept faire Milch))
  • Körnerleguminosen in der Humanernährung
  • Saatgutfonds zur Finanzierung der Züchtung
  • Förderung (Eiweißprämie; 1/5 der Fruchtfolge Leguminosen)
Optimierung:
  • Optimierung der gesamten Proteinversor-gung (Grünmehlpellets aus Luzerne, Grünland zur Verarbeitung)
  • Optimierung der Tierernährung/Tierleistung (z.B. Wachstumsdauer)

Zusammenfassung

Alle Beteiligten haben gemeinsam eine Reihe von Vorschlägen zur Verbesserung des Verfahrens und der Züchtung zusammengetragen sowie Alternativen und Optimierungsansätze aufgezeigt.

1. Aus betrieblicher Sicht sind besonders Probleme bei der Ertragssicherung (Jahreseinfluss, Unkrautbekämpfung, Krankheiten) und die Preissituation hervorzuheben. Die Forschung sollte besonders auf samen- und bodenbürtige Krankheiten, Verfahren der Unkrautbekämpfung und des Samenaufschlusses aus Sicht der Tierernährung gerichtet sein. Durch überregionalen Demonstrationsanbau und Beratung, Sortenprüfung und Monitoring in der Praxis sollen positive Beispiele Schule machen.

2. Die Züchtung hat einen entscheidenden Anteil am Bestand des Leguminosenanbaus. Daher wurden Zuchtziele formuliert (lange, standfeste Blattsorten mit hoher Widerstandsfähigkeit gegen Krankheiten unter Einbeziehung buntblühender Sorten), die von konventionellen Züchtern und alternativen Initiativen gemeinsam für den ökologischen und konventionellen Anbau von Bedeutung sind. Forschungsbedarf wird besonders in der Prüfung verschiedener Populationen als auch bei den Wechselwirkungen zwischen einzelnen Leguminosen innerhalb der Fruchtfolge gesehen.

3. Ein dritter Schwerpunkt war die Formulierung von Alternativen zum Reinanbau von Körnerleguminosen. Dabei standen Gemengeanbau, Sojabohnenanbau und der Anbau von Winterkörnerleguminosen im Mittelpunkt der Diskussion. Aber auch neue Technologien (Schälen, Auswaschen, Rösten) zur Verbesserung der Verfütterungseigenschaften müssen untersucht werden, um stärker die angenommenen Vorteile der buntblühenden Sorten nutzen zu können. Nicht zuletzt wurden staatliche Förderungen des Anbaus und die Verbesserung des Marketings vorgeschlagen.

4. Zur Umsetzung der Vorschläge wurde von allen Teilnehmern eine bessere Zusammenarbeit aller mit den Körnerleguminosen sich befassenden Personen gefordert, was ausdrücklich auch die Zusammenarbeit zwischen ökologisch und konventionell betrifft.

5. Wie geht es nach dem Workshop weiter?
Um die Ergebnisse des Workshops besser zu kommunizieren, wurde der Vorschlag unterbreitet, eine Resolution zu verfassen, um deutlich zu machen, dass die Aktivitäten für die Entwicklung des Anbaus von Körnerleguminosen ausgebaut werden müssen. Meinungsäußerungen/Bekundungen werden von Dr. Klaus-Peter Wilbois vom FiBL Deutschland entgegengenommen, gesammelt und weitergeleitet.

Darüber hinaus hat Thomas Michaelis von der Deutschen Agrarforschungsallianz (DAFA) den Kontakt gesucht und Gesprächsbereitschaft bekundet. Die DAFA hat am 27. und 28. Juni 2011 ein Fachforum zu Körnerleguminosen in Braunschweig geplant. Vom Landesverband NRW der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) läuft seit diesem Frühjahr das Projekt „Vom Acker in den Futtertrog - Zukunftsweisende Eiweißfutterversorgung in NRW“ mit dem Ziel, heimische Leguminosen zu einer bedeutenden Komponente in der Fütterung wieder zu etablieren.