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Nematoden – Fluch oder Segen?

Nematoden (Fadenwürmer) sind mit mehr als 20.000 Arten die wahrscheinlich größte Gruppe unter den vielzelligen Tieren. Meist handelt es sich um kleine, weiße oder farblose, fädige Würmchen, die im Wasser oder im Boden leben. Neben vielen nützlichen Arten gibt es auch schädliche Vertreter, z.B. Spulwürmer oder Nematoden, die Nutzpflanzen schädigen. Nematoden werden aber auch vermehrt als Nützlinge in der Bekämpfung von Pflanzenschädlingen, z.B. Schnecken, eingesetzt. Die Nährstoffkreisläufe, der Humusaufbau und wichtige Funktionen des Bodens würden ohne Nematoden nicht funktionieren – sie sind wichtiger Bestandteil des Bodenlebens.

Spezialisierte schädliche Nematoden

Nematoden können verschiedene Teile der Pflanze befallen. © LWK NRW; Bild: Broschüre Nematoden im Ökologischen Landbau

Werden bestimmte Pflanzen im Rahmen der Fruchtfolge zu häufig angebaut, so können sich schädliche Nematoden, die auf diese oder ähnliche Pflanzen spezialisiert sind, vermehren und diese Kultur ggf. stark schädigen. Die bekanntesten Vertreter dieser Gruppe sind das Weiße Rübenzystenälchen oder das Haferzystenälchen. Zur Vermeidung dieser Nematoden müssen die Fruchtfolgeabstände eingehalten werden. Weitere Strategien sind der Anbau von resistenten Sorten und der Anbau von befallsreduzierenden Zwischenfrüchten wie Tagetes, Sudangras, Hafer und nematodenresistenten Ölrettich- oder Senfsorten. Da nicht-nematodenresistente Kreuzblütler selbst Wirtspflanzen sind, fördert deren Anbau das Rübenzystenälchen. Wirtspflanzen für bestimmte Nematodenarten wie Paratylenchus sind z.B. Möhren, Sellerie, Petersilie und Pfefferminze. Der Zusammenhang von Wirtspflanzen und geschädigten Kulturen ist sehr vielfältig, unübersichtlich und vom Standort abhängig. Auch Unkräuter können Wirtspflanzen sein.

Nematoden im Gemüseanbau

Im ökologischen Gemüseanbau wird von zunehmenden Problemen berichtet, die vor allem mit der Fruchtfolge zusammenhängen. Es stehen in der Fruchtfolge fast immer Kulturen oder Beikräuter auf der Fläche, an den sich Nematoden vermehren oder ernähren können. Ein hoher Anteil an Wirtspflanzen (Leguminosen, Gemüse, Beikräuter, Untersaaten) bei einem gleichzeitig geringen Anteil an Nicht-Wirtspflanzen (z.B. Getreide für Wurzelgallennematoden) erhöht die Gefahr am meisten. Manche Nematodengattungen haben einen so breiten Kreis an Wirtspflanzen, dass eine Fruchtfolge ohne Wirtspflanzen kaum möglich ist. Generell ist Vorsicht geboten, da Nematoden mit Saatgut, Pflanzgut und Maschinen eingeschleppt werden.

Symptome

Beinigkeit bei Möhren ist ein Schadsymptom bei Möhren. © LWK NRW; Bild: Broschüre Nematoden im Ökologischen Landbau

Schadenssymptome an den Kulturen treten nesterweise mit Kümmerwuchs, Fehlstellen, vergilbten Pflanzen und welken Blättern auf. Der Wuchs der Pflanzen im Bestand kann unregelmäßig, aber auch anders auffällig sein. Zum Beispiel durch übermäßige Bestockung, Wachstumsanomalien wie Beinigkeit, abnormale Seitenwurzeln und Wurzelbärte. Die Wurzeln können faulen oder absterben. Nematoden können an den Wurzeln Eintrittspforten für durch Pilze, Bakterien oder Virenverursachte Folgekrankheiten schaffen.

Nematoden an Getreide

Während Nematoden an verschiedenen Gemüsearten gut bekannt sind und erforscht wurden, sind durch Nematoden verursachte Phänomene an ackerbaulichen Kulturen weniger häufig. Der Ausgangspunkt zu neuen Untersuchungen an Getreide waren die Berichte von zwei Ökobetrieben in Norddeutschland über nesterweise auftretende Schäden in Getreide. Die Symptome traten über mehrere Jahre auf und nahmen sowohl in der Fläche als auch in der Schädigung zu. Beide Betriebe bauten vor allem Getreide mit weiten Reihenabständen und Leguminosenuntersaaten an. Dr. Harald Schmidt (SÖL) ging den Problemen nach, woraufhin sich weitere Betriebe meldeten. Fast alle Betriebe hatten leichte Böden und warmes, feuchtes Klima bei milden Wintern. Zum Teil waren die Unkrautbestände wüchsig und auch das Unkraut geschädigt. In vielen Fällen waren die Nährstoffe Magnesium, Mangan oder Kalium im Mangel. In den Auswertungen wurde deutlich, dass nur selten ein einzelner Faktor für die Schädigungen verantwortlich war. Lediglich in 5 der 25 Fälle kamen nur Nematoden als Schadensursache in Frage. Meist traten verschiedene Gattungen von Nematoden auf. Wie erwartet wurde der Zusammenhang zwischen dem Auftreten des Haferzystenälchens (Heterodera avenae) und dem Getreideanteil in der Fruchtfolge bestätigt. Alle Schläge mit hohen Gehalten an Haferzystenälchen wiesen Getreideanteile von mindestens 70 Prozent auf, häufig in Form von Sommergetreide. Auch die Flächen mit einem hohen Besatz der Gattung Meliodogyne hatten einen Getreideanteil von 70 bis 90 Prozent. Neu war allerdings die große Bedeutung von der freilebenden Pratylenchus und Tylenchorhynchus dubius in Norddeutschland. Hier war der intensive Anbau von Untersaaten und Zwischenfruchtgemengen die Ursache. Der Boden war immer bedeckt und die Nematoden konnten sich auch im milden Winter weitervermehren. Das gleichzeitige Auftreten mehrerer Nematodengattungen und -arten könnte die Schädigungen verstärkt haben.

Lösungsansätze im Ackerbau

Zunächst ist notwendig zu wissen, welche Arten von Nematoden im Spiel sind. Dabei sind Lösungen nicht immer leicht realisierbar. Bei Befall mit Haferzystenälchen können resistente Sorten von Sommergerste und Nicht-Getreide angebaut werden. Gegen Pratylenchus wirken Ölrettichsorten, die auch gegen die Rübenzystenälchen eingesetzt werden. Bei freilebenden Nematoden wird es schwierig. Die mögliche Schwarzbrache bedeutet gewaltige Nährstoffverluste, einschließlich Nitrat. Der Anbau von Tagetes ist eine weitere Möglichkeit, die aber unkrautfrei nur schwierig durchführbar ist.

Probleme bei Leguminosen?

Das Auftreten von Leguminosenkrankheiten kann mit erhöhten Gehalten an Nematoden und Nährstoffmangel verbunden sein (Spieß, 2010). Die Behebung des Nährstoffmangels durch Düngung kann den Gehalt an Nematoden reduzieren. In den Bodenproben, die im Rahmen des Bodenfruchtbarkeitsprojektes untersucht wurden, zeigten sich teilweise etwas erhöhte Gehalte an Nematoden. Sie waren aber sicher nicht die Ursache für die z.T. starken Probleme beim Anbau der Körnerleguminosen in den ausgewählten Betrieben. Die Nematoden könnten aber durch ihre Fraßschäden die Eintrittsmöglichkeiten für die Krankheitserreger geschaffen haben. Reents et al. fanden heraus, dass sich Nematoden unter verschiedenen Leguminosenarten verschieden schnell vermehrten. An der Spitze lagen Alexandrinerklee, Rotklee, Erdklee und Erbse, am Ende Luzerne und Steinklee. Aber unter allen Kleearten fand eine Vermehrung statt, wogegen unter Weizen die Population zurückging.

Ausblick

Im Gegensatz zum Gemüseanbau sind Nematoden im Ackerbau von relativ geringer Bedeutung. Sie sollten aber intensiv beobachtet werden. Der Klimawandel oder die Einführung neuer Anbausysteme könnten die Probleme erhöhen. Gerade auf empfindlichen Standorten (leichte Böden, feuchtes Klima bzw. Beregnung, niedrige Nährstoffgehalte) empfiehlt Schmidt, keine Bewirtschaftungssysteme einzuführen, die Nematoden vermehren. Risikofaktoren Auf diesen Standorten sind Untersaaten mit langen Standzeiten anstatt Zwischenfrüchten (z.B. mit nematodenresistentem Ölrettich), Frühsaaten von Wintergetreide, hoher Unkrautbesatz und hohe Anteile einer Fruchtart in der Fruchtfolge.

Links und Quellen

  • Broschüre Nematoden im ökologischen Gemüsebau (.pdf)
  • Harald Schmidt (2007): Problembereiche im Öko-Ackerbau, Verlag Dr. Hans-Joachim Köster, Berlin, ISBN 978-3-89574-645-1
  • Hartmut Spieß (2010): Erfahrungen mit Luzerne- und Kleegras, in: Lebendige Erde 4/2010, S. 42-45
  • Hans-Jürgen Reents, Johanna Egerer, J. Peter Baresel, Andreas Hartmann (2009): Intensivierung und Differenzierung des Leguminosen-Anbaus unter Berücksichtigung der Nematoden, in: www.orgprints.org

Download

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Impressum

Autor: Werner Vogt-Kaute (Naturland)

Durchsicht und Redaktion: Ann-Kathrin Spiegel (FiBL Deutschland e.V.)

Quellenangabe bei Veröffentlichung

Werner Vogt-Kaute (Naturland)

Beitrag entstanden im Rahmen des Projektes "Steigerung der Wertschöpfung ökologisch angebauter Marktfrüchte durch Optimierung des Managements der Bodenfruchtbarkeit". Weitere Infos unter www.bodenfruchtbarkeit.org